Es gibt kein Mirácoli Carbonara mehr

Es gibt kein Mirácoli Carbonara mehr

Seufzend hatte ich mich auf die Bank gesetzt. Vögel zwitscherten in den Bäumen, die Sonne versuchte das Frühjahr herbeizuscheinen. Aber ich seufzte. Ich schaute auf das Stadtbad Schöneberg – geschlossen. Ausnahmsweise waren daran nicht nur die Berliner Bäder schuld, sondern auch das Virus. Ich dachte an Schwimmbadzeiten. Ich seufzte aber auch, denn mir war im Supermarkt etwas aufgefallen. Etwas, das ein Italiener verstehen würde: Mir war eine Spaghettikrise aufgefallen.

Glücklicherweise lief Merlino gerade kräftig ausschreitenden Schrittes auf mich zu, von der Hauptstraße hin zur Belziger. „Wohin des Wegs alter Mann?“ Er wollte zu Dolce Vita gelato by Salvatore. Er fragte, ob ich mitkommen wollte. „Weiß nicht. Mir ist seufzig. Es gibt kein Mirácoli Carbonara mehr.“

„Che cos’è? Was ist das?“ – Ich erklärte. Mirácoli ist eine ehemals in Deutschland populäre Fertigspaghettimischung, die seit ehedem Spaghetti, eine „Würzmischung“, „Parmesello“-Käse und Tomatenmark enthielt. Über Jahrzehnte war in vielen Haushalten Mirácoli gleichbedeutend mit Spaghetti.

Angesichts des Ausbruchs aus Schmerzensschreien, Bekundungen enterbt zu werden und dramatischen Anrufungen des Himmels, die ich bei meinen Erklärungen von Merlino zu sehen bekam, verbesserte sich meine Laune schlagartig. Merlino hatte vergessen, aus dem reserviert-stilsicheren Turin zu kommen. Er benahm sich wie ein Sizilianer in einer italienischen Komödie. Ihm! Ein Spaghetti-Fertiggericht zu erwähnen. Seine Italianita war zutiefst beleidigt. Die Nonnas! Alle Italiener kochen immer nur handgemacht mit Liebe.

Ich hakte ein „Ich sage nur Ferrero. Kinderschokolade.“ Sitz in der Via Pietro Ferrero 19, Alba, Piemont, in der Nähe von Turin. „Die haben mit Nutella bewiesen, dass ein Fertigprodukt ganz furchtbar und ganz großartig gleichzeitig sein kann.“

Während es Nutella aber meraviglioso geht, verschwindet Mirácoli. Die Marke, die die Italianita auf den entlegensten westdeutschen Küchentisch gebracht hat, wird von der Zeit überholt. Konsum ändert sich. Produktions- und Transportbedingungen ändern sich. Die Bedeutung der Trockenfertigprodukte schrumpft.

Das Schrumpfen

Auf die Idee, bewusst im Supermarkt zu schauen, hatte mich mein Blog gebracht. Mein Spaghetti-in-Deutschland-Post von 2017 führt immer wieder zu Suchfragen wie „Warum gibt es keine Miracoli mehr?“ – „Wo ist Miracoli Carbonara hin“.

Das wäre sie gewesen. Carbonara-Packung vor 2012.

Ich schaute beim Einkaufen ins Regal. Ich musste erst einmal suchen, um die Marke überhaupt zu finden, und sah eine traurige Auswahl. Nicht mehr die knapp 20 Sorten meiner Studentenzeit, sondern nur noch „der Klassiker.“

Die Produktportfortfolio kennt nur noch zwei Sorten: Spaghetti mit Tomatensauce und Makkaroni mit Tomatensauce.

Übersichtliches Portfolio. Alle Mirácoli-Sorten, stand März 2021.

Produkte, wie Spaghetti Bolognese, Spaghetti Tomate-Basilikum, Mirácoli carbonara, Penne Arrabiata, Vollkorn-Spaghetti mit Tomatensauce, Vollkorn Spirelle Tomate-Sahne, Spaghettini Pesto alle Genovese, Spaghetti Tricolore mit Tomatensauce, , Linguine mit Kräuter-Käsesauce, Cravattini Käse-Kräuter, Linguine-Tomate-Mozzarella werden seit vielen Jahren nicht mehr angeboten.

Niederschwellige Pasta

1961 erfand der US-Lebensmittelkonzern Kraft Foods (seit 2012: Mondelez) für den deutschen Markt das Gericht Miracoli. Das Wirtschaftswunder hatte die ersten Jahre hinter sich. Die Deutschen begannen ihre tiefe, innige Liebe zu Nudeln zu entdecken. Noch aber fehlte es am Nötigsten: Sowohl an den Zutaten, die es nur schwerlich beim Supermarkt um die Ecke gab, als auch am Erfahrungswissen der Zubereitung.

Der Kraft-Gedankengang muss in etwas so verlaufen sein „Wir bringen die Zutaten. Und machen es einfach. Wir nehmen die Angst, etwas falsch zu machen. Und schon können die Leute Nudeln essen.“ Mit Erfolg. Fast 50 Jahre lang war es eine Erfolgsgeschichte.

Im Gegensatz zu Dosenessen, oder später Tiefkühl-Fertiggerichten, vermittelte das Gericht, den Eindruck selber zu kochen. Es kam verschiedenes Kochgeschirr zum Einsatz. Der Herd musste angestellt /angezündet werden. Die Sauce musste aus mehreren Bestandteilen zusammengerührt werden. Die Hausfrau, die damals noch unumstritten in der Küche herrschte, konnte durch mehr Butter, etwas Sahne, mehr Gewürz, selber in das Gericht eingreifen.

„Selber kochen ohne Nachdenken und ohne Risiko des Scheiterns.“ Das Konzept war so genial, dass es noch heute erfolgreich in den Kochboxen fortlebt.

Veränderungen

Über lange Jahrzehnte blieb das Gericht nahezu unverändert. In den ersten Jahren verfielfältigten sich die Packungsgrößen. Es gab eine Portion, 2-3 Portionen und 4-5 Portionen. Der beigefügte Käse hieß auf den ersten Packungen noch Parmesan, später Parmesello, dann Pamesello ohne R, am Ende „Käse (aus Kuhmilch)“. Vermutlich trug dazu nicht die Zusammensetzung des Käses bei, sondern Beschwerdebriefe des Consorzio del Formaggio Parmigiano-Reggiano.

Das Miracoli bekam bereits nach wenigen Jahren (zwischen 1961 und 1970) seinen Accento Acuto, aus Miracoli mit a wurde Mirácoli mit á. In den 1970ern versuchte sich Kraft, letztlich erfolglos an Mirácoli-Reis und einer Pizza-Fertigmischung. Erfolgreicher waren die Maccaroni, die im selben Jahrzehnt kamen. In den 1980ern begann die Expansion. Die Saucen kamen hinzu, weitere Nudelsorten. 1986 kamen Cravattini (=Farfalle) nit Parmesello Kräutersauce hinzu, 1988 Vollkorn-Spaghetti und Spaghettini, dünne Spaghetti. 1989 wird es sahnig: der Konzern führt im Rausch des Erfolgs gleich noch Tortellini mit Tomaten-Sahnesauce und Tortellini mit Pilz-Rahmsauce ein.

Mamma Mirácoli

Neben seiner Präsenz auf westdeutschen Tischen war die Marke auch durch das Werbefernsehen der 1980er und 1990er ein Begriff. Die Mutter, die rief „Mirácoli ist fertig.“ Später, nachdem Klagen der Kunden über die mangelnde Saucenmenge erhöht wurden, die glückliche Familie in Farbe mit reichlich Sauce. Im Haus nebenan die unglückliche Schwarz-weiß-Familie mit zu wenig Tomatensauce.

Die Mamma Mirácoli kam später und sie sprach schon italienisch. Überhaupt, wandelte sich die um 1990 Werbung. Sie spielte nicht mehr in deutschen Vorstädten, sondern in Italien. Selbst die Protagonisten sprachen italienisch.

Seit den 2000ern

Die Verkaufszahlen sinken. Das ist meine These. Der Konzern selber gibt keine Zahlen bekannt. Er ergeht sich in blumigen Vergleichen wie „Legt man die seit dem Jahr 1961 von uns Deutschen gekauften Mirácoli-Packungen aneinander, ergibt dies..“ Aber alles spricht für sinkende Verkaufszahlen.

Die beanspruchte Regalfläche in deutschen Supermärkten sinkt stetig. In Österreich verschwanden die Nudeln bereits 2013 ganz aus den Märkten. Die Produktvielfalt sinkt. Und dann war da 2019 der offensichtlich sparinduzierte Pamesello-Gau.

Im Jahr 2011 war Mirácoli noch Marktführer bei den Trockenfertiggerichten. Aber ehrlich gesagt ist es auch das einzige Trockenfertiggericht, das mir aus dem Kopf heraus einfällt. In diesem Jahr gab es „16 Nudel-Fertiggerichte, drei Mikrowellen-Gerichte und elf Pasta-Saucen.“ Heute gibt es zwei Nudel-Fertiggerichte und etwas Döntjes drumherum.

Zum 50-jährigen Jubiläum in diesem Jahr 2011 waren die Marketingaktivitäten übersichtlich. Highlight war die Einführung einer Sorte „Fetucelle mit gegrillten Gemüse“. Der mangelnde Enthusiasmus zum Jubiläum deutete an, dass Kraft innerlich mit Mirácoli abgeschlossen hatte.

Die Markenerfinder Kraft stiegen 2012 aus. Kraft verkaufte Mirácoli im Jahre 2012 an Mars . Mars, bekannt durch den Schokoriegel, stellt neben Nudeln auch Uncle Ben’s Reis und Ebly-Weizen her, hat zahlreiche Katzenfuttermarken im Angebot haben und betreibt Tierkliniken.

Laut Kraft geschah dies im Rahmen einer „Portfoliobereinigung“, oder anders gesagt: Kraft hatte beschlossen, dass die Marke nicht mehr zu seinen Kernmarken gehört. Im selben Jahr erfolgte ein „rebranding“, das sich am alten Retrodesign orientierte. Mars versuchte sich daran, die Mirácoli-Marke zu erweitern. 2014 wurden Mirácoli-Lasagne und Pesto eingeführt. Die beide im Jahr 2021 aber nicht mehr aufzufinden sind.

Die Produktion verschwand aus dem alten Werk in Fallingbostel. Wo genau Mirácoli heutzutage produziert, kann oder mag mir Mars Foods nicht verraten. Einzig erfahre ich, dass es eine Produktionsstätte für ganz Europa gibt.

Das Pamesello-Desaster

Im Jahr 2019 begannen die Aasgeier zu kreisen. Kostensenker und Excel-Strategen durften das darbende Geschäft zugrunde richten: Der Parmesello wurde aus der Packung gestrichen, die Menge an Tomatenration ebenso wie an Würzmischung gekürzt.

Was nun den Reiz kaputt machte ein „fertiges Gericht“ zu haben. Es dürfte für dramatische Szenen am heimischen Tisch gesorgt haben, wenn die glückliche Mirácoli-Familie zu spät bemerkt, dass das Essen unvollständig ist. Schließlich war die unglückliche Schwarz-weiß-Familie der Neunziger-Jahre-Werbung deshalb so unglücklich, weil die Nudelsoße alle war.

Alte Packungszusammensetzung. Bild: Mirácoli-Halbfertiggericht von Kraft Vom: Rainer Z Lizenz: Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Unported, 2.5 Generic, 2.0 Generic and 1.0 Generic license.

Die Empörung war so groß, dass Mirácoli den Oberempörungspreis, die „Mogelpackung des Jahres“ gewann. Was immerhin für ein gesellschaftliches Rest-Interesse am Produkt sprach. Und natürlich hat auch Change.org zwei Petitionen erschaffen: 813 Nutzer sprachen sich bisher dafür aus, dass „der Parmesan“[sic!] In die Packung gehört. Eine Petition, die Mirácoli mit Parmesello haben möchte, kommt auf knapp 200 Unterschriften.

Von der Zeit überholt

Die Trockenfertignudel ist Opfer ihres eigenen Erfolges. Pasta gibt es an jeder Ecke in allen Varianten von warm-und-fertig bis zu „Kauf eine Packung Mehl und eine Nudelmaschine.“ Viele davon schmecken besser als Mirácoli. Sie sind nicht teurer und zudem mit weniger Arbeit verbunden.

Das Erfolgsrezept „Fertiggericht zum selber zusammensetzen“ gibt es in schicker und edler als Kochboxen. Mehr Leute haben Zeit und Muße die Welt zu erkunden, und sei es nur beim nächsten Italiener. Mehr Leute sind sich des Geschmacksunterschieds zwischen handwerklichen Spaghetti alla Napoletana bewusst und denen aus der Mirácoli-Packung.

Im Supermarkt stehen Shake-Dosen, auf denen steht: „Dies ist eine Mahlzeit.“ Die klassische Fertiggerichts-Zielgruppe hat alle Scham überwunden. Sie ist stolz darauf, keine Zeit und Energie in Nahrung zu stecken.

Es gibt kein Mirácoli Carbonara mehr

Meine Ausgangsfrage zur Recherche war: Was wurde aus Mirácoli carbonara. Wann die Carbonara-Variante nun wirklich verschwand? Mars kann oder will es mir nicht verraten. In dunklen Ecken des Internets könnte ich noch Packungen kaufen „zu verzehren vor 2016“

Das letzte Verschwinden sind die Penne Arabiatta. Diese verschwanden vor so kurzer Zeit, dass sie noch auf der Miracoli-Website erwähnt werden, nicht mehr aber bei den Produkten. Zahlreiche Webshops haben die Arrabiatta noch im Angebot, aber stets mit dem Hinweis „gerade nicht lieferbar“

Pronto, Presto und Saucen

Einen Versuch, in andere Welten vorzustoßen, stellen die Produkte Presto und Pronto dar. Während die Fertigsauce aus dem Glas schon länger existiert, sind Presto und Pronto neu. Presto (von Pesto) ist ein Pesto auf Tomaten/Wasser-Basis statt auf Ölbasis.

Das Miráversum, aktueller Stand. Pronto, Presto, Sauce.

In der Geschmacksrichtung „Klassiker“ setze ich große Hoffnungen darauf. „Pronto“ sind Fertignudeln, die sich in der Mikrowelle zubereiten lassen und laut Packungsbeilage al-dente sein sollen. Die testete ich im Rahmen einer Wochenendschicht in der Arbeitsmikrowelle und war unterwältigt.

Deshalb

Auf dieser Welt schrumpft der Platz mehr für Trockenfertiggerichte. Das ist kein Gericht für die Massen mehr. Liebe Mars-Unternehmensgruppe, verkauft die Marke an jemand, der sich in Nischen wohlfühlt. Setzt auf die Nostalgie-Kindheits-Zielgruppe. Sucht Euch das retromäßigste Design, das Euch einfällt, steckt erkennbar Liebe in das Produkt und verkauft es zum doppelten Preis. Das ist die Chance für Mirácoli.

Ich hatte mich erhoben. Ich hatte mit den Armen gewedelt und den Bäumen vor dem Stadtbad einen Vortrag über die Produktchancen einer Fertigpasta gehalten. Merlino staunte mich an. „Komm mal lieber mit, in die Belziger Straße, ein Spaghetti-Eis essen.“ Ah! Noch so ein Wirtschaftswunderprodukt!

Titelbild: Die Fertig-Carbonara gibt es nicht mehr. Muss also selber gekocht werden. Foto: Spaghetti alle Carbonara (Italienisches Rezept mit englischer Übersetzung: http://www.mangiaconme.it/2013/09/spaghetti-alla-carbonara) von Luca Nebuloni. Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic

Disclaimer: Theoretisch ließ mir Mars einen kleinen Gutschein für den Erwerb von Presto und Pronto zukommen. Praktisch hab‘ ich den Kassenzettel verschlust und diesen Gutschein nicht eingelöst. Manche Menschen könnten diesen Beitrag deshalb als Werbung auffassen.

2 thoughts on “Es gibt kein Mirácoli Carbonara mehr

    1. Ich staunte auch. Meine aktive Mirácoli-Zeit ist auch ein paar Jahre her. Aber meiner Erinnerung nach, nahm es gigantische Regalmeter ein. Jetzt musste ich gezielt danach suchen, um es überhaupt noch im Supermarkt zu sehen.

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